
Arnsberg. Der folgende Leserbrief von Daniel Büenfeld erreichte die Blickpunkt-Redaktion im Zusammenhang mit der Debatte um die Regenbogentreppe in Arnsberg und den Umgangston in sozialen Medien. Wir veröffentlichen die Zuschrift im Wortlaut:
Ich schreibe diesen Brief aus tiefer Sorge um den Zustand unserer demokratischen Strukturen und unserer hiesigen Debattenkultur. Was einst ein Land von Offenheit, Toleranz und respektvollem Streit war, erlebt derzeit eine besorgniserregende Zuspitzung: Hetze, persönliche Angriffe und immer öfter Drohungen und Gewalt.
Ein Beispiel aus unserer Region zeigt, wie weit das inzwischen geht: Eine in Regenbogenfarben gestaltete Treppe in Arnsberg – gedacht als Zeichen für Vielfalt, Respekt und Toleranz – wurde eigenmächtig in den Farben Schwarz-Rot-Gold übermalt. Diese Aktion war nicht genehmigt und stellt rechtlich eine Sachbeschädigung dar. Eine engagierte Lokalpolitikerin, die das öffentlich kritisierte und ein Zeichen für Vielfalt setzte, wurde daraufhin massiv angefeindet und sogar mit Morddrohungen überzogen. Der Staatsschutz ermittelt. Das ist keine demokratische Auseinandersetzung mehr, das ist Einschüchterung.
Auch überregional eskaliert das Klima: Der queere Fußball-Schiedsrichter Pascal Kaiser, der im Stadion seinem Freund einen Heiratsantrag machte – ein Zeichen für Mut und Vielfalt –, erhielt Drohungen, in denen sogar seine Adresse genannt wurde. Kurz darauf wurde er vor seinem Zuhause tätlich angegriffen. Auch hier ermittelt der Staatsschutz wegen eines möglichen homophoben Motivs.
Das sind keine Einzelfälle. Grenzen werden immer häufiger überschritten – von Worten zu Drohungen, von Drohungen zu Gewalt.
Was mich besonders erschüttert: Diese Entwicklung ist auch bei uns vor Ort spürbar. Ich weiß von queeren Gruppen im Sauerland, die sich nur noch unter Polizeischutz treffen oder Veranstaltungsorte erst kurzfristig bekanntgeben, aus Angst vor Störungen oder Angriffen. Ich kenne Menschen, die hier in Arnsberg aufgewachsen sind und den Kampf um Zugehörigkeit und Akzeptanz irgendwann aufgegeben haben. Und ich höre immer öfter von engagierten, weltoffenen Bürgerinnen und Bürgern, die ernsthaft darüber nachdenken, unsere Region oder sogar Deutschland zu verlassen, wenn sich das Klima weiter verschärft. Wenn Menschen aus Angst weggehen, verlieren wir mehr als nur Nachbarn – wir verlieren Menschlichkeit und Vielfalt.
Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist der Ton in den sozialen Medien. Anonymität, algorithmisch verstärkte Empörung und gezielte politische Zuspitzung – etwa auch durch rechtspopulistische Kräfte wie die AfD – verschärfen Konflikte statt sie zu lösen. Differenzierte Argumente gehen unter, Extreme dominieren. Der Umgang mit Social Media ist längst zu einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung geworden. Vielen fehlt eine verantwortungsvolle, reflektierte Handhabe. Hass, Falschinformationen und digitale Hetze verbreiten sich schneller als Fakten.
Deshalb braucht es hier beides: klare, sinnvolle Regeln für Plattformen und zugleich Bildung im Umgang mit diesen Medien. Medien- und Social-Media-Kompetenz müssen fester Bestandteil des Unterrichts werden, damit Kinder und Jugendliche lernen, Informationen kritisch zu prüfen, Manipulation zu erkennen und respektvoll zu diskutieren. Ebenso wichtig sind Persönlichkeitsentwicklung, Empathie und Konfliktfähigkeit. Demokratie beginnt im Alltag, nicht erst im Wahllokal.
Das Gleiche gilt für neue Technologien wie Künstliche Intelligenz. Auch hier schreitet die Entwicklung rasant voran, während Regeln und Kompetenzen hinterherhinken. Ohne Leitplanken, Transparenz und Aufklärung drohen Desinformation, Manipulation und Kontrollverlust. Wenn wir jetzt nicht handeln, ist es sprichwörtlich fünf vor zwölf.
Gleichzeitig wünsche ich mir von den großen demokratischen Parteien wieder mehr Verantwortungsbewusstsein: weniger Polarisierung aus taktischen Gründen, weniger Symboldebatten, mehr Sachlichkeit und Lösungen für reale Probleme.
Ich selbst bin keiner Partei fest verpflichtet. Ich bin Demokrat. Mir sind Debatte und Diskurs wichtig – hart in der Sache, aber fair im Umgang. Extreme, persönliche Angriffe und Einschüchterung dürfen keinen Platz haben. Dorthin müssen wir als Gesellschaft wieder zurückfinden.
Denn eine Demokratie lebt vom Streit der Argumente – nicht vom Hass auf Menschen.
Daniel Büenfeld, Arnsberg
Hinweis der Redaktion:
Leserbriefe geben die Meinung der/des Einsendenden wieder. Für den Inhalt ist die Verfasserin/der Verfasser verantwortlich.
