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Kli­ni­kum Hoch­sauer­land: Bla­sen­schritt­ma­cher hilft bei Inkon­ti­nenz

Dr. med. Anja Brink­mann (l.), die ärzt­li­che Lei­te­rin des Kon­ti­nenz­zen­trums am Kli­ni­kum Hoch­sauer­land zeigt einen Bla­sen­schritt­ma­cher wie er bei Pati­en­tin Anne­lie­se Grae­ve ein­ge­setzt wur­de. Mit der Fern­be­die­nung kann Frau Grae­ve das Gerät bei Bedarf anpas­sen oder ein- und aus­schal­ten. (Foto: Kli­ni­kum Hoch­sauer­land)

Hoch­sauer­land­kreis. „Ich kann end­lich wie­der durch­schla­fen“, sagt Anne­lie­se Grae­ve. Die 71-Jäh­ri­ge hat viel Lebens­qua­li­tät zurück­ge­won­nen, nach­dem ihr von Dr. med. Anja Brink­mann, der ärzt­li­chen Lei­te­rin des Kon­ti­nenz­zen­trums am Kli­ni­kum Hoch­sauer­land, ein Bla­sen­schritt­ma­cher ein­ge­setzt wur­de. Für die Bal­verin ging damit ein lan­ger Lei­dens­weg zu Ende. Nacht für Nacht raub­te ihr häu­fi­ger Harn­drang den Schlaf. Und auch tags­über blieb sie lie­ber in der Reich­wei­te einer Toi­let­te.

Becken­bo­den­er­kran­kun­gen weit ver­brei­tet

Harn- und Stuhlin­kon­ti­nenz tre­ten häu­fig auf. In Deutsch­land gibt es über neun Mil­lio­nen Betrof­fe­ne, die unter Bla­sen­schwä­che, Darm­schwä­che oder ande­ren Becken­bo­den­er­kran­kun­gen lei­den. Vie­le Betrof­fe­ne spre­chen nicht ger­ne über das „Tabu­the­ma“. Dabei ist es wich­tig, offen mit den Lei­den umzu­ge­hen, denn Inkon­ti­nenz ist sehr häu­fig heil­bar. Eine leich­te Harn­in­kon­ti­nenz lässt sich nicht sel­ten mit Stär­kungs­übun­gen der Becken­bo­den­mus­ku­la­tur in den Griff bekom­men – schwie­ri­ge­re Fäl­le erfor­dern wei­ter­ge­hen­de The­ra­pie­maß­nah­men infor­mier­te Frau Dr. Brink­mann. Auf­grund ver­schie­de­ner mög­li­cher Ursa­chen emp­fiehlt Fr. Dr. Brink­mann in allen Fäl­len zunächst eine fun­dier­te und dif­fe­ren­zier­te Dia­gnos­tik.

Lan­ger Lei­dens­weg

Anne­lie­se Grae­ve hat eine rich­ti­ge Odys­see hin­ter sich. „Ich bin am Tag bestimmt 30-mal zur Toi­let­te gegan­gen, zudem nachts alle hal­be Stun­de. Ich habe kaum noch Schlaf bekom­men. Durch den Schlaf­man­gel ging es mir mise­ra­bel. Und nicht nur mir. Auch mein Mann ist stän­dig wach gewor­den, wenn ich wie­der raus muss­te. Wir haben dann teil­wei­se getrennt geschla­fen, das ging nicht mehr“, erin­nert sich Anne­lie­se Grae­ve. „Hin­zu kam, dass ich nicht nur oft ren­nen muss­te, son­dern es auch nicht immer recht­zei­tig geschafft habe. Dann lief alles in die Vor­la­ge. Die habe ich an machen Tagen ein hal­bes Dut­zend Mal wech­seln müs­sen“, beschreibt Frau Grae­ve die Sym­pto­me der ver­brei­te­ten Erkran­kung. Mit etwas über 30 Jah­ren habe das Gan­ze bei ihr ange­fan­gen. Zu Beginn habe sie zwar noch nicht ganz so oft zur Toi­let­te gemusst, jedoch sei­en die Beschwer­den mit der Zeit schlim­mer gewor­den. Anfangs hät­ten auch die ein­ge­nom­me­nen Medi­ka­men­te noch Lin­de­rung gebracht. Spä­ter folg­ten ins­ge­samt drei Ope­ra­tio­nen. Im letz­ten Jahr war sie auf­grund vie­ler Harn­wegs­in­fek­tio­nen stän­dig in Behand­lung. Dann habe die behan­deln­de Ärz­tin sie ins Kon­ti­nenz­zen­trum über­wie­sen.

Bla­sen­schritt­ma­cher erst­mals in der Regi­on ein­ge­setzt

Dr. med. Anja Brink­mann, die ärzt­li­che Lei­te­rin des Kon­ti­nenz­zen­trums am Kli­ni­kum Hoch­sauer­land emp­fahl nach ein­ge­hen­den Unter­su­chun­gen die sakra­le Neu­ro­mo­du­la­ti­ons­the­ra­pie zur Lin­de­rung der Beschwer­den von Frau Grae­ve. Bei der sakra­len Neu­ro­mo­du­la­ti­on wer­den sanf­te elek­tri­sche Impul­se von einem Schritt­ma­cher an die soge­nann­ten Sakral­ner­ven abge­ge­ben, die die Funk­ti­on von Bla­se und End­darm steu­ern. Tech­nisch gese­hen funk­tio­niert die­se The­ra­pie ähn­lich wie ein Herz­schritt­ma­cher. Weil mit die­ser Metho­de ver­schie­de­ne Funk­ti­ons­stö­run­gen von Bla­se und End­darm behan­delt wer­den kön­nen, spricht man auch von einem Bla­sen- oder Darm­schritt­ma­cher. Das Ver­fah­ren ist bereits seit Jah­ren bewährt und steht nun erst­mals auch im Kon­ti­nenz­zen­trum des Kli­ni­kums Hoch­sauer­land zur Ver­fü­gung.

Zwei klei­ne Ein­grif­fe

Die Implan­ta­ti­on des Bla­sen­schritt­ma­chers erfolgt in zwei sepa­ra­ten mini­mal­in­va­si­ven Ein­grif­fen von je ca. 30 Minu­ten Dau­er. Um zu tes­ten, ob die sakra­le Neu­ro­mo­du­la­ti­on auch funk­tio­niert, implan­tier­te die ärzt­li­che Lei­te­rin des Arns­ber­ger Kon­ti­nenz­zen­trums bei Frau Grae­ve zunächst eine Elek­tro­de durch eine natür­li­che Öff­nung im Kreuz­bein­kno­chen, die mit einem Schritt­ma­cher außer­halb des Kör­pers ver­bun­den war. In der anschlie­ßen­den Test­pha­se von ca. drei bis vier Wochen wur­de geprüft, ob die Maß­nah­me auch tat­säch­lich anschlägt. Nach­dem sich dies bestä­tig­te, wur­de Frau Grae­ve dann der Bla­sen­schritt­ma­cher unter der Haut im obe­ren Gesäß­be­reich ein­ge­setzt. Seit dem ist das klei­ne Gerät von außen nicht zu sehen. Mit Hil­fe eines spe­zi­el­len Pro­gram­mier­ge­rä­tes kann die Ärz­tin von außen jeder­zeit die Ein­stel­lun­gen des Schritt­ma­chers auf die indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­se hin opti­mie­ren. Die Pati­en­ten erhal­ten eine Fern­be­die­nung, über die sie den Schritt­ma­cher jeder­zeit aus– und ein­schal­ten sowie die Stär­ke der Impul­se anpas­sen kön­nen.

End­lich wie­der durch­schla­fen

Anne­lie­se Grae­ve spür­te schon am Mor­gen nach der Ein­schal­tung des Test­schritt­ma­chers eine deut­li­che Ver­bes­se­rung. Sie hat­te durch­ge­schla­fen. Ein Gefühl, das sie schon lan­ge nicht mehr kann­te und auf das sie nun, nach Implan­ta­ti­on des end­gül­ti­gen Schritt­ma­chers, auch nicht mehr ver­zich­ten will.

Mit der Kon­ti­nenz­sprech­stun­de steht am Kli­ni­kum Hoch­sauer­land, Stand­ort Mari­en­hos­pi­tal, ein Ver­sor­gungs­an­ge­bot zur Ver­fü­gung, das Betrof­fe­nen eine qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge The­ra­pie gepaart mit indi­vi­du­el­ler, dis­kre­ter und per­sön­li­cher Betreu­ung ermög­li­chen soll. Sprech­stun­den­ter­mi­ne kön­nen über das Sekre­ta­ri­at des Kon­ti­nenz­zen­trums unter fol­gen­den Kon­takt­da­ten ver­ein­bart wer­den: Tele­fon: 02931 870–244581 (Mo bis Do, zwi­schen 8 und 13 Uhr) oder E‑Mail: kontinenzzentrum@klinikum-hochsauerland.de.

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Ein Kommentar zu: Kli­ni­kum Hoch­sauer­land: Bla­sen­schritt­ma­cher hilft bei Inkon­ti­nenz

  • Ich selbst habe auch einen Bla­sen­schritt­ma­cher, aber für genau das gegen­tei­li­ge Pro­blem der Inkon­ti­nenz. Seit mir die­ser vor zwei Jah­ren in Her­ne implan­tiert wur­de, habe ich Ruhe vor dau­er­haf­ten Infek­tio­nen und Nie­ren­ent­zün­dun­gen und end­lich geht alles wie­der sei­nen natür­li­chen Weg.

    Ich fin­de es klas­se, dass mir mit die­sem klei­nen Gerät so gut gehol­fen wer­den konn­te.
    Lei­der ist Metho­de eines Bla­sen­schritt­ma­chers noch nicht so bekannt, sonst hät­te man mir und vie­len ande­ren Men­schen wesent­lich frü­her hel­fen und somit eher ein Stück Lebens­qua­li­tät zurück­ge­ben kön­nen.

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