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Hand­werk erklimmt neue Rekord­hö­he – Fach­kräf­te­man­gel bleibt zen­tra­les Pro­blem

Die Geschäfts­ent­wick­lung im süd­west­fä­li­schen Hand­werk erklimmt Rekord­hö­hen. (Gra­fik © Mar­kus Kluft / Hand­werks­kam­mer Süd­west­fa­len)

Arnsberg/Südwestfalen. „Das Hand­werk in Süd­west­fa­len trotzt dem aktu­el­len Trend“, sag­te Haupt­ge­schäfts­füh­rer Meinolf Nie­mand bei der Vor­stel­lung der Ergeb­nis­se der Kon­junk­tur­um­fra­ge der Hand­werks­kam­mer in Arns­berg, an der sich 678 Unter­neh­men betei­ligt hat­ten: „Auf die Rekord­hö­he von 145 Punk­ten klet­ter­te der Index­wert für die Geschäfts­ent­wick­lung im Hand­werk.“ Damit hält die bis­lang längs­te Boom-Pha­se im Hand­werk an. Wäh­rend der Sach­ver­stän­di­gen­rat in sei­nem jüngs­ten Gut­ach­ten und das Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um mit ihren Pro­gno­sen einen deut­lich gebrems­ten Kon­junk­tur­ver­lauf erwar­ten, behaup­tet sich Süd­west­fa­len wei­ter und: „Der Motor ist das Hand­werk!“ Aller­dings weist der Index­wert für die Auf­trags­ent­wick­lung eine nega­ti­ve Ten­denz auf.

Der Bau ist das Zug­pferd

Zufrie­den: Meinolf Nie­mand. (Foto: Hwk)

Zug­pfer­de der Kon­junk­tur waren vor allem die Bau­hand­wer­ke und in der Fol­ge, aber auch eigen­stän­dig, die Aus­bau­hand­wer­ke. Die Bau­kon­junk­tur nährt sich wei­ter aus dem nied­ri­gen Zins­ni­veau und aus dem gestie­ge­nen gewerb­li­chen Inves­ti­ti­ons­vo­lu­men. Bei den Aus­bau­hand­wer­ken kom­men Maß­nah­men zur Stei­ge­rung der Ener­gie­ef­fi­zi­enz sowie Kom­fort­as­pek­te als Kon­junk­tur­mo­to­ren hin­zu. Die För­der­mög­lich­kei­ten zur ener­ge­ti­schen Ertüch­ti­gung von Immo­bi­li­en ver­stär­ken den posi­ti­ven Kon­junk­tur­ver­lauf.

Schwie­ri­ger ist die Situa­ti­on im Kfz-Hand­werk. Ange­fan­gen beim nicht aus­ge­stan­de­nen Die­sel-Skan­dal muss­ten die Unter­neh­men zusätz­lich mit Lie­fer­schwie­rig­kei­ten wegen des neu­en WLTP-Test­zy­klus‘ kämp­fen. Dank der guten Werk­statt­aus­las­tung konn­ten die Unter­neh­men aber auf einen ver­hal­ten posi­tiv ver­lau­fe­nen Zeit­raum zurück­bli­cken und sehen auch wie­der posi­ti­ver in die Zukunft.

Gut ist die Lage im Nah­rungs­mit­tel­be­reich. Die mode­rat höhe­ren Ver­brau­cher­ein­kom­men und das gestie­ge­ne Qua­li­täts­be­wusst­sein ver­bu­chen die­se Betrie­be auf der posi­ti­ven Sei­te. Unver­än­dert stark ist aller­dings der Druck durch die fort­schrei­ten­de Filia­li­sie­rung und durch die „Haupt­sa­che bil­lig“ Men­ta­li­tät. Gedrückt wird die Stim­mung durch die gro­ßen Pro­ble­me für die­sen Hand­werks­be­reich, Fach- und Nach­wuchs­kräf­te zu gewin­nen.

Zufrie­den­heit in Gesund­heits­bran­che

Deut­lich bes­ser als im Vor­jahr ist die Lage der Gesund­heits­hand­wer­ke und der Hand­wer­ke des pri­va­ten Bedarfs. So mel­de­te kein Umfra­ge­teil­neh­mer aus dem Gesund­heits­be­reich eine schlech­te Geschäfts­la­ge, im Gegen­teil: bei­na­he drei Vier­tel bli­cken auf einen guten Geschäfts­ver­lauf zurück. Deut­lich ver­hal­te­ner stellt sich die Situa­ti­on bei den Hand­wer­ken für den pri­va­ten Bedarf dar. Wäh­rend die Gesund­heits­bran­che erkenn­bar posi­ti­ver gestimmt die kom­men­den Mona­te angeht, sehen die Hand­wer­ke für den pri­va­ten Bedarf eher ver­hal­ten in die Zukunft.

Leicht abneh­men­der Auf­trags­ein­gang

Gene­rell darf bei den Zukunfts­aus­sich­ten nicht das zuneh­mend schwie­ri­ger wer­den­de Umfeld gera­de für die Betrie­be, die als Zulie­fe­rer Teil einer Lie­fer­ket­te sind, über­se­hen wer­den. Kenn­zeich­nend ist der leicht abneh­men­de Auf­trags­ein­gang, der für die kom­men­den Mona­te erwar­tet wird. Wäh­rend der Bau­be­reich sich auch hier in der Spit­zen­grup­pe hält, sind die Befürch­tun­gen im Bereich der Metall­be­ru­fe deut­lich stär­ker. 14,5 Pro­zent der Befrag­ten befürch­ten einen Rück­gang der Orders. Der inter­na­tio­na­le Trend zu mehr Pro­tek­tio­nis­mus ist sicher eine der Ursa­chen für die gedämpf­te­re Ein­schät­zung und vor allem hat die end­lo­se Bre­x­it-Debat­te mit ihrem noch immer unge­wis­sen Aus­gang (Brems)Spuren hin­ter­las­sen.

Kapa­zi­täts­gren­zen viel­fach erreicht

Fach­kräf­te wer­den wei­ter drin­gend gesucht. (Gra­fik © Mar­kus Kluft / Hand­werks­kam­mer Süd­west­fa­len)

Gleich­zei­tig erle­ben vie­le Betrie­be das Errei­chen von Kapa­zi­täts­gren­zen, die ein Mehr an Auf­trä­gen gar nicht mehr zulas­sen. So haben im Bau­be­reich der­zeit die Hälf­te der Unter­neh­men eine Aus­las­tung von mehr als 90 Pro­zent. Bei­na­he jeder Fünf­te mel­det sogar, über 100 Pro­zent zu lie­gen. Noch deut­li­cher sind die Ant­wor­ten aus dem Aus­bau­be­reich: Jeder vier­te Betrieb hat die „Schall­mau­er“ von 100 Pro­zent bereits durch­bro­chen. „Ange­bots­sei­tig spie­len die in vie­len Bran­chen erreich­ten Kapa­zitätsgrenzen und bestehen­den Arbeits­kräf­te­eng­päs­se eine Rol­le“, stellt der Sach­ver­stän­di­gen­rat fest. Die Anga­ben der Hand­werks­be­trie­be bestä­ti­gen die­se Ein­schät­zung. Die Dyna­mik der Ent­wick­lung ver­deut­licht die Erhe­bung zu den frei­en Stel­len, die die Hand­werks­kam­mer Süd­west­fa­len zusätz­lich durch­führt. Sie ver­zeich­net sogar eine Zunah­me beim Hilfs­kräf­te­be­darf, der gera­de für Zei­ten der Hoch­kon­junk­tur typisch ist. Die­se „Ver­bes­se­rung“ soll­te nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass hoch­qua­li­fi­zier­te Fach­kräf­te und Spe­zia­lis­ten prak­tisch nicht zu fin­den sind. Die Ver­ren­tungs­wel­le bei den Baby­boo­mern wird das Pro­blem fort­be­stehen las­sen, und selbst bei einer nach­las­sen­den Kon­junk­tur noch wei­ter ver­schär­fen. Für das per­so­nal­in­ten­si­ve Hand­werk ist der Fach­kräf­te­man­gel eine ech­te Wachs­tums­brem­se!

Kos­ten­druck und Preis­kor­rek­tu­ren

Pro­ble­ma­tisch bleibt wei­ter­hin die Ent­wick­lung der Kos­ten. Gestie­ge­ne Roh­stoff- und Ener­gie­prei­se sowie deut­li­che Zuwäch­se aus den Tarif­ab­schlüs­sen set­zen die Betrie­be unter Druck. Obwohl vie­le Betrie­be einen Teil der Kos­ten in die Leis­tungs­prei­se ein­ar­bei­ten und am Markt rea­li­sie­ren konn­ten, droht für die Zukunft eine wei­te­re Ver­schär­fung der Ent­wick­lung. Beson­ders betrof­fen sind die Zulie­fer­be­trie­be, die zudem einem star­ken Druck von Sei­ten der Nach­fra­ger aus­ge­setzt sind. Dank der guten Auf­trags­la­ge konn­te das Hand­werk den­noch Umsatz­stei­ge­run­gen für sich ver­zeich­nen. Vor allem im Bau- und im Aus­bau­be­reich beka­men die Leis­tungs­preis­an­pas­sun­gen auch die pri­va­ten End­ver­brau­cher zu spü­ren. Die Nah­rungs­mit­tel­hand­wer­ke kamen eben­falls nicht um Preis­kor­rek­tu­ren her­um. Gegen­tei­lig ver­lief die Ent­wick­lung bei den Gesund­heits­hand­wer­ken, wo deut­lich mehr Betrie­be Zuge­ständ­nis­se machen muss­ten.

Leer­ge­feg­ter Arbeits­markt ein Hemm­nis

Der letz­te Blick gilt dem Inves­ti­ti­ons­ver­hal­ten. Über alle Hand­werks­grup­pen hin­weg zeigt sich eine deut­li­che Zunah­me der Inves­ti­tio­nen, wobei mehr als die Hälf­te der Befrag­ten ihr Inves­ti­ti­ons­vo­lu­men bei­be­hiel­ten und mehr als ein Drit­tel es noch stei­ger­ten. Domi­nant waren dabei die Erwei­te­rungs- und Ratio­na­li­sie­rungs­maß­nah­men als Fol­ge der guten Auf­trags­la­ge. Wenn sich die Annah­men aus den Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen­rats und des BMWI bewahr­hei­ten soll­ten – bei­de unter­stel­len nur eine tem­po­rä­re Ver­fla­chung des Kon­junk­tur­ver­laufs, die noch im ers­ten Halb­jahr in eine Wirt­schafts­be­le­bung füh­ren wer­de –, sind die Hand­werks­be­trie­be in Süd­west­fa­len gut auf­ge­stellt. Ein­zig der leer­ge­feg­te Arbeits­markt könn­te dann ein Hemm­nis dar­stel­len.

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