Fachwelt einig: Nellius als Namensgeber nicht mehr zu rechtfertigen

Für den Erhalt des Straßennamens haben die Anwohner der Hachener Nelliusstraße  erfolgreich ein Bürgerbegehren gestartet. (Foto: BI)
Für den Erhalt des Stra­ßen­na­mens haben die Anwoh­ner der Hache­ner Nel­li­us­stra­ße erfolg­reich ein Bür­ger­be­geh­ren gestar­tet. (Foto: BI)

Arnsberg/Sundern. Die Fach­welt beschei­nigt der neu­es­ten Nel­li­us-Stu­die wis­sen­schaft­li­che Soli­di­tät und unter­stützt die Bestre­bun­gen, die Nel­li­us-Stra­ßen in Arns­berg-Rum­beck und Sun­dern-Hach­en umzu­be­nen­nen. Das Chris­ti­ne Koch-Mund­art­ar­chiv hat das nun vor­lie­gen­de neue Nel­li­us-Gut­ach­ten – sie­he www.sauerlandmundart.de/pdfs/daunlots%2069.pdf – vor sei­ner Druck­le­gung Wis­sen­schaft­lern und Akti­ven aus der Hei­mat­be­we­gung vor­ge­legt. Bis­lang sind bis zum 29. Janu­ar 2014 fol­gen­de Stel­lung­nah­men und Voten eingegangen:

 „Straßenschild mit Namen eines Antisemiten und frühen Anhängers von Hitler hat absolut nichts mit Heimatliebe zu tun“

„Stra­ßen­um­be­nen­nun­gen sind in leben­di­gen, selbst­kri­ti­schen Kom­mu­nen nor­ma­le Vor­gän­ge. In zahl­rei­chen Städ­ten und Gemein­den Deutsch­lands fin­den sie statt, wenn Tat­sa­chen offen­kun­dig wer­den, die eine Ehrung der Namens­ge­ber nach neu­er­li­cher Prü­fung nicht mehr recht­fer­ti­gen. Sol­che Umbe­nen­nun­gen zei­gen Lern­fä­hig­keit und ange­nom­me­ne Ver­ant­wor­tung für das Erin­nern an die (deut­sche) Geschich­te. Der Rat der Stadt Sun­dern hat im letz­ten Jahr ein­stim­mig beschlos­sen, die Nel­li­us­stra­ße umzu­be­nen­nen. Dass die Bür­ger­initia­ti­ve >Nel­li­us­stra­ße bleibt Nel­li­us­stra­ße< die­sen Beschluss nun rück­gän­gig machen will, ist nicht nach­zu­voll­zie­hen, wenn man sich mit den jüngs­ten Erkennt­nis­sen zur Per­son Georg Nel­li­us befasst: Die aktu­el­len, umfas­sen­den For­schun­gen von Peter Bür­ger und Wer­ner Neu­haus, die in Zusam­men­ar­beit mit Micha­el Gos­mann vom Stadt­ar­chiv Arns­berg durch­ge­führt wur­den und jetzt für jeder­mann ein­seh­bar vor­lie­gen, erge­ben ein erschre­cken­des Bild des Sauer­län­ders Georg Nel­li­us. Ins­be­son­de­re sei­ne als Kul­tur­funk­tio­när der NS-Zeit ver­folg­te ras­sis­ti­sche Juden­feind­schaft wird anhand von bis­lang unbe­kann­ten Ori­gi­nal­quel­len belegt. Ich bin sicher, dass durch die neue Ver­öf­fent­li­chung auch die Bür­ger­initia­ti­ve >Nel­li­us­stra­ße bleibt Nel­li­us­stra­ße< zu dem Schluss kom­men wird, dass ein Stra­ßen­schild mit dem Namen eines Anti­se­mi­ten und frü­hen Anhän­gers von Hit­ler abso­lut nichts mit Hei­mat­lie­be zu tun hat und untrag­bar ist.“

Die Titelseite der Dokumentation der Heimatforscher zu Georg Nellius.
Die Titel­sei­te der Doku­men­ta­ti­on der Hei­mat­for­scher zu Georg Nellius.

„Wie ich erfah­ren habe, soll in Sun­dern die Umbe­nen­nung der Nel­li­us-Stra­ße durch eine Bür­ger­initia­ti­ve ver­hin­dert wer­den. Als ehe­ma­li­ger Vor­sit­zen­der und jet­zi­ges Bei­rats­mit­glied der Gesell­schaft zur Erfor­schung der Geschich­te der Juden in Deutsch­land, aber auch als gebo­re­ner Sauer­län­der kann ich nicht ver­ste­hen, dass es dort noch eine Stra­ße gibt, die nach einem als Anti­se­mit ein­deu­tig her­vor­ge­tre­te­nen Musik­po­li­ti­ker benannt ist. Ich appel­lie­re an den Gemein­de­rat, für die Umbe­nen­nung der Nel­li­us-Stra­ße zu stimmen.“

„Lübke-Wort bedenken, dass Menschlichkeit aus der Verantwortung für die Vergangenheit erwächst“

„Im Rah­men der aktu­el­len Stra­ßen­na­men­de­bat­te haben Peter Bür­ger und Wer­ner Neu­haus in Zusam­men­ar­beit mit Micha­el Gos­mann vom Stadt­ar­chiv Arns­berg das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Kul­tur­schaf­fen von Georg Nel­li­us minu­ti­ös unter­sucht. Die vor­ge­leg­te For­schungs­ar­beit bestä­tigt ein erschre­cken­des Bild anti­se­mi­ti­scher Kul­tur­po­li­tik. Dies ist der geis­ti­ge Hin­ter­grund, aus dem her­aus die mas­sen­mör­de­ri­sche Juden­ver­fol­gung und Juden­ver­nich­tung des NS-Staa­tes mög­lich wur­de. Die Bür­ger­initia­ti­ve >Nel­li­us­stra­ße bleibt Nel­li­us­stra­ße< soll­te gera­de ange­sichts der neu­en For­schungs­er­kennt­nis­se den Hin­weis von Hein­rich Lüb­ke beden­ken, >dass Mensch­lich­keit aus der Ver­ant­wor­tung für die Ver­gan­gen­heit erwächst. Des­halb erweist uns kei­ner von denen einen Dienst, die unse­rem Volk zure­den, es müs­se nun end­lich ein­mal Schluss gemacht wer­den mit die­ser Schat­ten­be­schwö­rung aus den Tagen einer furcht­ba­ren Ver­gan­gen­heit. Nicht wir beschwö­ren die Schat­ten, die Schat­ten beschwö­ren uns, und es liegt nicht in unse­rer Macht, uns ihrem Bann zu entziehen<.“

„Ich kann mir nicht gut vor­stel­len, dass die nun­mehr zu Nel­li­us vor­lie­gen­den Doku­men­te die Initia­to­ren der Bür­ger­initia­ti­ve nicht dazu ver­an­las­sen wer­den, von ihrem Anlie­gen Abstand zu neh­men und der Stadt Sun­dern somit die Aus­rich­tung eines teu­ren Bür­ger­be­geh­rens zu ersparen.“

„Bin entsetzt, dass es noch eine Straße gibt, die nach einem bekennenden antisemitischen Musikpolitiker benannt ist“

„Mit Betrof­fen­heit habe ich erfah­ren, dass in Sun­dern die Umbe­nen­nung der Nel­li­us-Stra­ße durch eine Bür­ger­initia­ti­ve ver­hin­dert wer­den soll. Als jemand, der ein Buch über die Rück­kehr jüdi­scher Musi­ker in das Nach­kriegs­deutsch­land geschrie­ben hat und zur Zeit an einem Buch über die Remi­gra­ti­on jüdi­scher Kunst­schaf­fen­der nach 1945 schreibt, bin ich ent­setzt, dass es im Sauer­land, das ich aus zahl­rei­chen Besu­chen ken­ne, noch eine Stra­ße gibt, die nach einem beken­nen­den anti­se­mi­ti­schen Musik­po­li­ti­ker benannt ist. Als jemand, der als kul­tu­rel­le Ver­mitt­le­rin zwi­schen Isra­el und Deutsch­land für sein lang­jäh­ri­ges Enga­ge­ment zuguns­ten der israe­li­schen Kul­tur und der deutsch-israe­li­schen Bezie­hun­gen vom Bun­des­prä­si­den­ten das Ver­dienst­kreuz am Ban­de des Ver­dienst­or­dens der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­lie­hen, appel­lie­re ich an die zustän­di­gen poli­ti­schen Gre­mi­en, die­sen Schand­fleck rasch zu besei­ti­gen und umge­hend den Weg für eine Umbe­nen­nung der Nel­li­us-Stra­ße frei zu machen.“

„Ihnen […] ist mit Ihrem akri­bi­schen Nel­li­us-Gut­ach­ten ein wert­vol­ler Bei­trag zur aktu­el­len Benen­nungs­dis­kus­si­on gelun­gen, mit Bedeu­tung über den in Rede ste­hen­den Ort hin­aus. Man kann nur hof­fen, dass ein sach­li­ches Wort wie die­ses noch durch­dringt. Ich sage Ihnen das als ein, wie Sie wis­sen, lang­jäh­ri­ger land­schaft­li­cher Nach­bar aus dem Sie­ger­land, der man­chen Bei­trag schrieb. Auch nach mei­nem Umzug bewegt mich wei­ter­hin die Regio­nal­ge­schich­te. Das schließt den Blick übers Köl­sche Heck selbst­ver­ständ­lich mit ein. Also, noch ein­mal: ein herz­li­ches Dan­ke­schön für die gute, bei­spiel­ge­ben­de Arbeit.“

„Hoffen, dass die Sunderner Bürgerinitiative sich durch strikt wissenschaftliche Dokumentation überzeugen läßt“

„Ihnen […] sei sehr herz­lich für Ihre mühe­vol­le For­schungs­ar­beit in Sachen Georg Nel­li­us gedankt. Daß deren Ergeb­nis­se Nel­li­us nun in noch schlim­me­rem Lich­te erschei­nen las­sen, als man vor­her wuß­te, zeigt, wie nötig es ist, unse­re Drit­te Reichs-Ver­gan­gen­heit auch >vor Ort< wei­ter­hin so nüch­tern und gründ­lich auf­zu­ar­bei­ten, wie Sie es getan haben, und wie ich es vor kur­zem für die Ger­ma­nis­tik der West­fä­li­schen Wil­helms Uni­ver­si­tät Müns­ter ver­sucht habe. Tun wir dies nicht, dann wird uns die­se Ver­gan­gen­heit immer von neu­em heim­su­chen. Es ist sehr zu hof­fen, daß die Sun­derner Bür­ger­initia­ti­ve sich durch Ihre umfas­sen­de, strikt wis­sen­schaft­li­che Doku­men­ta­ti­on über­zeu­gen läßt, daß Georg Nel­li­us kei­ne Ehrung durch einen Stra­ßen­na­men gebührt.“
Prof. Dr. Josef Wie­seh­ö­fer (Uni­ver­si­tät Kiel) lässt in knap­per Form wissen:
„Herz­li­chen Dank für die­se über­aus wich­ti­ge und über­fäl­li­ge Darstellung.“

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